Die Erde. 

 

 

Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2016. Dies sind die Abenteuer des Siegfried Mader, der mit seiner Besatzung wochen- und monatelang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisation. Viele Kilometer von der Heimat entfernt dringt das Fahrzeug in Wüsten vor, die kaum ein Mensch zuvor gesehen hat...  

(frei nach "Raumschiff Enterprise)

 

 

Individualreisen im Wandel der Zeit

 

Meine Reisekarriere begann vor mehr als 34 Jahren. Nach dem Abitur reiste ich mit zwei Freundinnen in einem Audi 50, mit Zelt und Gitarre im Gepäck nach Korsika. Die erste Reise auf eigene Faust und mit einem Ablauf, der sich viele Jahre wiederholen sollte: Anreise auf der Autobahn durch Italien, Schiffspassage, dann traumhafte Landschaften und zurück wieder per Schiff und Autobahn. Nach Korsika und Sardinien las ich in der Zeitschrift "Tours" von einem gescheiterten Versuch, die algerische Grenze nach Mali zu passieren. Gescheiterte Versuche reizten mich schon damals zu beweisen, dass es doch geht. Ich kaufte mir einen Allrad-Lkw und fuhr damit zunächst einmal auf der damaligen Gastarbeiter-Route, dem "Autoput" in die West-Türkei. Der Charme einer kargen Landschaft gepaart mit üppiger türkischer Küche legten den Grundstein für die Liebe zum Orient, und die nächste Reise ging dann schon als Mitglied des EAF (Euro-Arabischer Freundschaftskreis e.V.) nach Jordanien, ans Rote Meer. Aber eigentlich wollte ich ja in Afrika etwas beweisen, also machte ich meinen betagten Borgward wüstentauglich und buchte zum ersten Mal die Fähre "Habib" von Genua nach Tunis. Auf der Standardroute über Djanet und Tamanrasset durch Algerien musste ich erkennen, dass mein Fahrzeug zu schwer und zu schwach motorisiert war für Touren abseits der Teerstraße, aber ich hatte bereits den Wüsten-Virus in mir.

 

Also kaufte ich mir einen Unimog 404 und verdieselte ihn, sattelte ihm eine selbstgebaute Wohnkabine auf - und fertig war mein Afrika-Mobil. Die nächsten Jahre nahm ich damit auch sehr abgelegene und nur querfeldein erreichbare Ziele in der algerischen Sahara ins Visier. Die Touren wurden von Jahr zu Jahr extremer und einsamer, das Risiko einer letztlich tödlichen Panne wuchs stetig, während Überfälle in der Sahara noch gänzlich unbekannt waren. Durch ein Unglück brannte eines Nachts mein Afrika-Mobil vollkommen aus, und es wurde ein jüngerer Unimog 416 angeschafft und nach den mittlerweile reichlich vorhandenen Geländeerfahrungen optimiert ausgebaut, die Reichweite auf weit über 3000 km erweitert - das optimale Wüstenfahrzeug war gefunden, und noch extremere Reisen wurden möglich. So wurden in den folgenden Jahren auch weit entlegene Ziele in sehr einsamen Gegenden mit faszinierenden Landschaften angefahren, tausende Bilder und archäologische Fundstücke mit nach Hause genommen (damals durfte man das noch). Was mir erst viel später bewusst geworden ist: das Fahren war zum Selbstzweck geworden! Der Urlaub begann vor der Haustür mit dem Einsteigen in meinen Unimog, und genau dort endete er auch erst wieder.

Im Freundeskreis fanden meine "Leistungen" Anerkennung, meine Touren waren nicht so einfach und auch nicht ohne Risiko nachzufahren. Das beflügelte mich, immer noch extremere Touren auszukundschaften und auch unter die Räder zu nehmen. Längst hatte ich alle verfügbaren IGN-Karten von Algerien und eins der ersten GPS-Geräte.

 

Im Januar 1993 verfolgte ich einen Bericht über die Rallye Paris-Dakar. Wunderschöne Dünenlandschaft im Südwesten Algeriens, an der Grenze zu Mali (ich wollte ja noch etwas beweisen). Eine Idee nahm allmählich Gestalt an: quer durch Tunesien und Algerien, durch das sogenannte "leere Dreieck" (militärisches Sperrgebiet), illegale Ausreise aus Algerien, illegale Durchreise durch Mali, illegale Einreise nach Mauretanien, ohne Zollpapiere und ohne Versicherung durch Mauretanien - und wieder zurück durch Algerien, Marokko, Spanien und Frankreich. Dazu brauchte man einen Satz Zweitpässe (die Algerier durften ja nichts wissen vom Mauretanien-Besuch), eine ausreichende Fahrzeugreichweite zur Überbrückung von 2.200 km ohne jegliche Versorgungsmöglichkeit, drei Monate Urlaub und ein Begleitfahrzeug mit gleichen Eigenschaften! Diese ehrgeizige Tour würde mir so schnell keiner nachmachen können - eine logistisch, technisch und zeitlich besondere Herausforderung!

 

 

Ein befreundetes Paar mit einem kleineren, aber gleichwertigen Fahrzeug bot sich an, die Tour mitfahren zu wollen. So eine Gelegenheit würde nie wieder kommen, trotz finanzieller Probleme nahm ich mir unbezahlten Urlaub, und wir meisterten 15.000 nicht immer einfache Kilometer in 10 Wochen - Abenteuer pur!!! Und wieder mal weiter und länger von zuhause weggefahren, neuer Rekord, neue Anerkennung. Aber wieder mal nur gefahren, es spielte zu der Zeit noch keine Rolle.

 

Der südlichste Punkt unserer Reise lag am Fluss "Senegal", an dessen südlichem Ufer Schwarzafrika beginnt. Die senegalesischen Marktfrauen setzten einfach mit Pirogen über den Fluss und verkauften ihre Ware auf mauretanischer Seite, ohne Zoll, ohne Pass - welch lockere Lebensart, welch ausgesprochen farbenfrohe Kleidung, welch fröhliche Menschen! Der Afrika-Virus schlug unerbittlich zu, und mein erklärtes Reiseziel war nun Schwarzafrika, auch wenn ich noch nicht wusste, wie ich das Entfernungs- und damit Zeitproblem würde lösen können.

 

Dann kamen mir die Islamisten "zu Hilfe" und erklärten, dass sie jeden Touristen töten würden, der nicht bis zu einem bestimmten Datum aus Algerien ausgereist wäre. Ich reiste am vorletzten Tag des Ultimatums aus und fragte mich, was ich nun mit meinem Wüstenkreuzer anfangen sollte, meine "Spielwiese" Algerien war nicht mehr bereisbar. Das Schicksal bescherte mir einen Kontakt zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland im Senegal. Die besorgte mir einen Stellplatz für meinen Unimog, mitten in Dakar, 300 m vom Präsidentenpalast entfernt! Ich überführte meinen Lkw über Marokko, im Militärkonvoi durch die teils verminte Westsahara und durch Mauretanien nach Dakar. Nach drei Jahren im Senegal musste ich aus zolltechnischen Gründen nach Banjul in Gambia umziehen.

 

Sowohl von Dakar, als auch von Banjul aus unternahm ich äußerst interessante Touren durch den Senegal, durch Mali, Burkina Faso und den Niger. Leider war der Unimog mit 3 m Höhe schlicht zu hoch, die Pisten durch die Busch- und Baumsavanne waren nur für Fahrzeuge im Landrover-Format ausgeholzt, ich dagegen musste mit Brachialgewalt durch die Äste! Hinzu kam, dass Reparaturen afrikanisch erfolgten, jede Reparatur nur bis zur nächsten Werkstatt hielt. Die Liste der Defekte wurde immer länger, ein Befahren einsamer Pisten wurde zu einem unkalkulierbaren Risiko. Und so verkaufte ich meinen geliebten, aber bereits sehr baufälligen Unimog in Gambia.

 

 

Aber ich hatte noch nicht genug von Schwarzafrika, der unendlich lockere Lebensstil ließ sich in Deutschland nicht realisieren und war ein sehr willkommener Gegenpol zum deutschen Terminkalender. Das nächste Fahrzeug musste kleiner werden, und so fand ein kleiner Allrad-Bus seinen Weg nach Gambia. Ein neues Extrem musste her, ich fuhr in das bis dahin als unbereisbar geltende Guinea-Conakry. Verschiedene Off-Road-Magazine druckten meinen abenteuerlichen Reisebericht.

 

Die in Afrika rasch weiterkultivierte Bürokratie der Franzosen und ständig verschärfte Zollvorschriften machten das Reisen immer schwieriger, und mittlerweile empfand ich die tägliche Temperaturkurve von morgens 20-24 Grad bis nachmittags 40-44 Grad unerträglich - und jeden Tag ging die Sonne wieder auf, Tag für Tag für Tag. Ich fuhr ein letztes Mal nach Guinea und beendete mit dem Fahrzeugverkauf in Gambia nach fast 20 Jahren meine Afrika-Reisen!

 

 

Ich versuchte, den schlagartigen Entzug durch eine neuerliche Algerien-Tour abzumildern. Aber im Unterschied zu früher gingen sich die Leute nun aus dem Weg, man befürchtete grundsätzlich einen Überfall, und man versteckte sich sogar zum Übernachten! Eifrige und misstrauische Kontrollen im ganzen Land, verbotene Pisten - was soll da noch Spaß machen? Kurze Zeit später wurden ganze Touristengruppen entführt und das Ende des Individualtourismus in Algerien eingeläutet. Auch für mich.

 

Was nun? Tunesien? Zu klein, zu erschlossen, zu harmlos. Marokko bedeutete immer 1 Woche An- und Abreise und mindestens 10.000 km pro Tour. Die interessantesten Pisten im Südosten waren bereits verboten, und ständig illegal unterwegs zu sein, entsprach nicht mehr meinen Vorstellungen von Urlaub. Nach 25 Jahren "Überlebenskampf im Urlaub und Erholung im Alltag" wollte ich mich auch mal entspannen und nicht mehr von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang im Auto sitzen, Kilometer zu Tausenden "fressen". Ich suchte mir näher gelegene Ziele in Italien, Frankreich und Spanien - und auch dort gab es wunderschöne Ecken. Einem Vergleich mit dem bisher Gesehenen hielt das freilich nur bedingt stand, und einfach querbeet durchs Gelände zu pflügen war nur sehr selten möglich. Aber die stressfreie Versorgungslage zusammen mit der Einheitswährung und einem Minimum an Vorbereitung hatten auch ihren Reiz.

 

Das Leben im Wohnmobil isolierte mich vom Leben draußen vor der Tür. Außerdem gab es keinen vernünftigen Platz für Fahrräder. Meine damalige Lebensgefährtin legte mehr Wert darauf, per Allrad auf den höchsten Berg gefahren zu werden, als sich selbst zu bewegen. Im Alter von nur 46 Jahren verstarb sie 2008 an einem Herzinfarkt.

 

Meine jetzige Frau wollte sich eigentlich immer nur aus eigener Kraft bewegen und überhaupt nicht fahren! Wir haben einen guten Kompromiss gefunden:

 

 

wir haben kein Wohnmobil mehr, wir fahren nun einen Geländewagen mit Platz für Mountainbikes und schlafen in einem Autodachzelt. Wir fahren nur noch so weit wie wir wollen, und auf die Berge geht es mit Bergstiefeln. Wir können das Leben um uns herum nicht mehr per Kabinentür aussperren, wir leben jetzt mehr oder weniger "öffentlich". Wir reisen "entschleunigt", es gibt keinen Überlebenskampf mehr, und der Heimweg ist immer machbar. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Anderen sind meine Reisewege längst versperrt, sei es aus bürokratischen, politischen oder auch terroristischen Gründen.

 

 

Ich staune heute über junge Leute, die sich mit exzellent ausgestatteten Fahrzeugen auf einschlägigen Treffen tummeln. Wo fahren die denn hin? Die per Auto erreichbare Welt steht einem ja leider nicht mehr in dem Maße offen, wie wir sie noch vorgefunden haben.

 

Extremreisen sollte man dann unternehmen, wenn man körperlich dazu in der Lage ist und wenn es die (politischen, bürokratischen und zeitlichen) Umstände erlauben. Keinesfalls darf man das Reisen auf später verschieben (wenn wir mal in Rente sind)! Zu oft schon war ich unfreiwillig Zeuge von gesundheitlichen oder finanziellen Schicksalsschlägen oder gar Todesfällen!

 

Wenn ich irgendwann mal meinen Löffel abgebe, dann mit befriedigter Neugier (was das Reisen angeht) und dem Bewusstsein, etwas erlebt zu haben.

 

Träume nicht Dein Leben, sondern lebe Deinen Traum!

 

Siegfried Mader

 

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