Die Erde.

Der Autor

Mein Fuhrpark

Meine Reisen

Reiseberichte

Gästebuch
Reisender durch Raum und Zeit
Die Erde.

Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2012. Dies sind die Abenteuer des Siegfried Mader, der mit seiner Besatzung wochen- und monatelang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Kilometer von der Heimat entfernt dringt das Wohnmobil in Wüsten vor, die kaum ein Mensch zuvor gesehen hat....

(frei nach "Raumschiff Enterprise")

Individualreisen im Wandel der Zeit

Meine Reisekarriere begann vor mehr als 32 Jahren. Nach dem Abitur reiste ich mit zwei Freundinnen in einem Audi 50 mit 3-Mann-Zelt und Gitarre im Gepäck nach Korsika. Die erste Reise auf eigene Faust, mit einem Ablauf, der sich viele Jahre wiederholen sollte: Anreise auf der Autobahn durch Italien, Schiffspassage, dann traumhafte Landschaft, zurück per Schiff und Autobahn. Nach Korsika und Sardinien las ich in der "Tours" von einem gescheiterten Versuch, die algerische Grenze nach Mali zu passieren. Gescheiterte Versuche waren schon damals Anreiz für mich, zu beweisen, dass es doch geht.

Ich kaufte mir einen Allrad-Lkw und fuhr damit zunächst auf der damaligen Gastarbeiter-Autobahn, dem "Autoput" in die West-Türkei. Karge, aber reizvolle Landschaft gepaart mit üppiger türkischer Küche – der Grundstein für die Liebe zum Orient war gelegt, die nächste Reise ging dann schon mit Hilfe des EAF (Euro-Arabischer Freundschaftskreis) nach Jordanien ans Rote Meer. Aber ursprünglich wollte ich ja in Afrika etwas beweisen, also machte ich meinen Borgward wüstentauglich und buchte zum ersten Mal die Fähre "Habib" von Genua nach Tunis. Auf der Standardroute durch Algerien über Djanet und Tamanrasset mußte ich erkennen, daß mein Fahrzeug zu schwer und zu schwach motorisiert war für Touren abseits der Teerstraße, aber ich hatte bereits den afrikanischen Virus in mir.

Also kaufte ich mir einen Unimog und verdieselte ihn, sattelte ihm eine selbstgebaute Wohnkabine auf, und fertig war mein Afrikamobil. Die nächsten Jahre nahm ich damit auch sehr abgelegene und nur querfeldein erreichbare Ziele in der algerischen Sahara unter die Räder. Die Touren wurden von Jahr zu Jahr extremer und einsamer, das Risiko einer letztlich tödlichen Panne wuchs, während Überfälle in der Sahara noch gänzlich unbekannt waren.

Durch ein Unglück brannte eines Nachts mein Afrikamobil vollkommen aus, und es wurde ein neuerer Unimog 416 angeschafft und nach den mittlerweile reichlich vorhandenen Geländeerfahrungen optimiert ausgebaut, die Reichweite auf weit über 3000 km erweitert – das ideale Wüstenfahrzeug war gefunden, und noch extremere Reisen waren damit möglich. In den folgenden Jahren wurden auch weit entlegene, sehr einsame Gegenden mit faszinierenden Landschaften abgefahren, tausende Bilder und archäologische Fundstücke als Trophäen mit nach Hause genommen. Was mir damals noch nicht bewußt war: das Fahren war zum Selbstzweck geworden! Mit dem Einsteigen in den Unimog begann bereits vor meiner Haustür der Urlaub, und genau dort endete er auch erst wieder.

 

Im Freundeskreis fanden meine "Leistungen" Anerkennung, weil man meine Touren nicht so einfach und auch nicht ohne Risiko nachfahren konnte. Das beflügelte mich, immer noch extremere Touren auszukundschaften und auch zu fahren. Längst hatte ich auch alle (auch sehr seltene) IGN-Karten von Algerien und einen Garmin GPS.

 

Im Januar 1993 sah ich einen Bericht über die Rallye Paris-Dakar. Wunderschöne Dünenlandschaft im Südwesten Algeriens, an der Grenze zu Mali (ich wollte ja noch etwas beweisen…!). Die Idee war geboren und nahm allmählich Formen an: quer durch Tunesien und Algerien, durch das sogenannte "leere Dreieck" (militärisches Sperrgebiet!), illegale Ausreise aus Algerien, illegale Durchreise durch Mali, illegale Einreise in Mauretanien, ohne Zollpapiere und Versicherung durch Mauretanien und wieder zurück durch Algerien, Marokko, Spanien und Frankreich. Dazu brauchte man einen Satz Zweitpässe, da die Algerier ja nicht sehen durften, daß man in Mauretanien unterwegs war, man brauchte eine angemessene Fahrzeugreichweite zur Überbrückung von 2.200 km ohne Versorgungsmöglichkeit, drei Monate Urlaub – und ein Begleitfahrzeug mit gleichen Eigenschaften!

Diese ehrgeizige Tour würde mir so schnell keiner nachmachen können - eine logistisch, technisch und zeitlich einzigartige Herausforderung!

Ein befreundetes Paar mit einem kleineren, aber gleichwertigen Fahrzeug bot sich an, die Tour mitfahren zu wollen. So eine Gelegenheit würde nie wieder kommen, trotz finanzieller Probleme nahm ich mir unbezahlten Urlaub – und wir fuhren die Tour wie geplant. 15.000 nicht immer einfache km in 10 Wochen, Abenteuer pur! Und wieder mal weiter und länger von zuhause weggefahren, neuer Rekord, neue Anerkennung. Aber wieder mal nur gefahren, es spielte zu dieser Zeit noch keine Rolle.

 

Der südlichste Punkt dieser Reise war der Fluß "Senegal", am anderen Ufer begann Schwarzafrika, die senegalesischen Marktfrauen setzten einfach mit Pirogen über den Fluß und verkauften ihre Ware auf mauretanischer Seite, welch ausgesprochen farbenfrohe Kleidung, welch lockere Lebensart, der Afrika-Virus schlug unerbittlich zu. Die ersten Wahrzeichen Schwarzafrika begegneten mir ja schon auf dem Weg zum Fluß: Baobabs in bizarren Formen. Mein erklärtes Ziel war nun Schwarzafrika, auch wenn ich noch nicht wußte, wie ich das Entfernungs- und damit Zeitproblem meistern sollte.

 

Dann kamen die islamischen Fundamentalisten und erklärten, daß sie jeden Touristen umbringen würden, der nicht bis zu einem bestimmten Datum aus Algerien ausgereist wäre. Ich reiste am vorletzten Tag aus und fragte mich, was ich nun mit meinem Wüstenkreuzer anfangen sollte, für Europa war er zu langsam und schwerfällig, Algerien war vorerst nicht mehr bereisbar.

 

Das Schicksal schickte mir einen Kunden aus Dakar/Senegal, den Mann der damaligen Vize-Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland. Die besorgte mir einen Stellplatz im Zentrum von Dakar, 300 m vom Präsidentenpalast entfernt! Ich überführte meinen Wüstentruck über Marokko, im Militärkonvoi durch die teilweise verminte Westsahara und Mauretanien nach Dakar. Drei Jahre flog ich jeden Winter nach Dakar, setzte mich in mein Auto und fuhr durch den Senegal nach Mali, nach Burkina Faso bis in den Niger und über Mali wieder zurück. Der logistische Aufwand hatte sich wieder mal gelohnt, es ergaben sich tolle Touren. Allerdings stellte sich heraus, dass der Unimog mit 3 m Höhe schlicht zu hoch war – die Pisten durch die Busch- und Baumsavanne waren nur für Fahrzeuge im Landrover-Format ausgeholzt, ich mußte mit Brachialgewalt durch die Äste!

 

Aus Zollgründen mußte der Unimog sein viertes und fünftes Jahr in Banjul zubringen, ich flog also jedes Jahr und für immer mehr Geld nach Yof, dem Flughafen der gambischen Hauptstadt Banjul.

Reparaturen erfolgten afrikanisch, d.h., jede Werkstatt reparierte nur so, daß das Fahrzeug spätestens an der nächsten Werkstatt wieder den gleichen Defekt aufwies, was unten an Flüssigkeit rauslief, wurde oben wieder eingefüllt. Die Liste der Defekte wurde immer länger, die Werkstattaufenthalte kosteten zunehmend wertvolle Urlaubszeit, und die letzten 500 km mußte ich mit zwei offenen Bremskreisen, d.h. ohne wirksame Bremse zurücklegen. Und so verkaufte ich meinen geliebten, aber bereits sehr baufälligen Unimog in Gambia.

 

Aber ich hatte noch nicht genug von Schwarzafrika, das unendlich lockere Lebensgefühl läßt sich in Deutschland nicht realisieren und war ein sehr willkommener Gegenpol zum deutschen Terminkalender. Aber das nächste Fahrzeug mußte kleiner werden. Das Schicksal schlug mal wieder zu und spielte mir einen Mitsubishi L300 4x4 mit Turbodiesel in die Hände. Ausgebaut und nach Gambia überführt war er schnell. Ein neues Extrem mußte her, ich fuhr in das bis dahin als unbereisbar geltende Guinea-Conakry. Verschiedene Off-Road-Magazine druckten meinen abenteuerlichen Reisebericht. Aber die permanent zunehmende Abzocke auf westafrikanischen Straßen setzte mir allmählich nervlich zu und ich begann, Aversionen gegen die immer selbstbewußter und arroganter werdenden Afrikaner zu entwickeln. Die in Afrika rasch weiterkultivierte Bürokratie der Franzosen machte das Reisen immer schwieriger, ständig verschärfte Zollvorschriften machten mein Leben nicht gerade leichter, und mittlerweile empfand ich die tägliche Temperaturkurve von morgens 20-24 Grad bis nachmittags 40-44 Grad unerträglich – und jeden Morgen ging die Sonne wieder auf, Tag für Tag für Tag. Ich mußte miterleben, wie in Westafrika lebende Deutsche mit ihren einheimischen Angestellten umsprangen, und befürchtete ebenfalls zum hemmungslosen Rassisten zu mutieren. Ich fuhr ein letztes Mal nach Guinea und beendete dann mit dem Fahrzeugverkauf in Gambia nach fast 20 Jahren meine Afrika-Reisen!

 

Ich versuchte, den schlagartigen Entzug abzumildern und bereiste nochmal Algerien, nun mit einem Landrover mit Wohnaufbau, aber im Unterschied zu früheren Zeiten gingen sich die Leute aus dem Weg, man befürchtete grundsätzlich einen Überfall und versteckte sich zum Übernachten. Eifrige und mißtrauische Kontrollen im ganzen Land, verbotene Pisten – was soll da noch Spaß machen? Nur kurze Zeit später wurden in Algerien ganze Touristengruppen entführt, das war das endgültige Aus für den Individualtourismus in Algerien, also auch für mich.

 

Wohin fahre ich denn dann? Tunesien? Zu klein und zu harmlos, zu erschlossen. Im tunesischen Sperrgebiet stauten sich die Touristenfahrzeuge schon, die sich häufenden Unfälle führten zu Sperrungen und eine Entführung zum vorzeitigen Aus. Blieb nur noch Marokko, aber jede Tour bedeutete eine Woche An- und Abreise mit 5.600 km, und jeder Marokko-Urlaub schlug mit 10.000 km zu Buche. Im Norden und Westen Marokkos war alles bereits geteert, im Südosten das Militär allgegenwärtig. Die interessantesten Touren waren offiziell verboten und ständig illegal unterwegs zu sein entsprach nicht mehr meinen Vorstellungen von Urlaub.

 

Nach 25 Jahren "Überlebenskampf im Urlaub und Erholung im Alltag" wollte ich mich auch mal entspannen und nicht mehr vier oder fünf Wochen täglich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang im Auto sitzen und fahren, Kilometer zu Tausenden "fressen".

 

Ich suchte mir näher gelegene Ziele in Italien, Frankreich und Spanien, und auch dort gab es wunderschöne Landschaften. Einem Vergleich mit dem bisher Gesehenen hielt das freilich nur bedingt stand, und einfach querbeet durchs Gelände pflügen war nur selten möglich. Aber die streßfreie Versorgungslage gepaart mit der Einheitswährung und einem Minimum an Vorbereitung hatte auch ihren Reiz.

 

Durch die Wohnkabine war ich zusätzlich isoliert vom Leben um mich, um mein Fahrzeug herum. Außerdem war kein vernünftiger Platz für Fahrräder. Und meine damalige Lebensgefährtin legte mehr Wert darauf, per Landrover auf den höchsten Berg gefahren zu werden, als sich selbst zu bewegen. Im Alter von nur 46 Jahren verstarb sie vor einigen Jahren an einem Herzinfarkt.

 

Meine jetzige Partnerin wollte sich eigentlich immer nur bewegen und überhaupt nicht fahren! Wir haben einen guten Kompromiß gefunden, ich habe die Wohnkabine verkauft, jetzt haben zwei Mountainbikes auf der Ladefläche Platz und wir schlafen in einem Autodachzelt. Mit dem Landrover fahren wir nur noch so weit wie wir wollen, und auf die Berge geht es mit Bergstiefeln oder Fahrrädern.

 

Wir können das Leben um uns herum nicht mehr per Kabinentür aussperren, wir leben jetzt mehr oder weniger "öffentlich". Wir können nicht mehr bis um 2 Uhr morgens fahren, in der Kabine noch etwas kochen und dann ins Bett fallen. Platzsuche, Kochen und Essen müssen bei Tageslicht erledigt werden. Die Tagesetappen sind damit automatisch kürzer, der Aktionsradius kleiner und das Reisen an sich intensiver. Man reist "entschleunigt" und gelassen, kein Überlebenskampf in irgendeiner Form, und wenn's doch mal zu dick kommen sollte, ist der Heimweg so oder so machbar.

 

Diese Form des unbeschwerten Reisens fällt mir heute leicht, vermutlich weil ich meine vielfältigen und abenteuerlichen Erfahrungen schon gemacht habe und niemandem mehr etwas beweisen muß. Anderen, die ähnliche Erfahrungen erst noch machen müßten, sind meine Wege längst versperrt, sei es aus bürokratischen, politischen oder auch kriegerischen Gründen.

 

Sieht man auf den einschlägigen Globetrotter-Treffen all die aus- und aufgerüsteten Allradfahrzeuge, fragt man sich unwillkürlich: wo wollen die bloß hin mit ihren Geräten? Zu den Gefilden, für die sie gebaut sind, gibt es schon lange keinen Zugang mehr.

 

Was motiviert eigentlich die jüngere Generation, sich derart aufwendig auszurüsten? Wo sieht sie ihre Reiseperspektiven – die per Auto erreichbare Welt steht einem ja leider nicht mehr in dem Maße offen, wie wir sie vorgefunden haben. Die junge Generation hat wohl auch den Pioniergeist ihrer Väter, der wird aber leider arg eingeschränkt von ungebremster Reglementierungswut und dem allgegenwärtigen Terror. Unter diesen Gesichtspunkten verdient das offensichtliche Interesse an extremen Fahrzeugreisen zumindest unseren Respekt!

 

Schon immer mußte man "extreme" Reisen (jeder muß für sich selbst definieren, was extrem ist) dann machen, wenn man von der körperlichen Konstitution und von der Ausrüstung her in der Lage dazu ist und wenn es die sonstigen (politischen, bürokratischen und zeitlichen) Umstände erlauben. Ich mußte bereits mehrfach mitansehen, wie auf später ("wenn wir mal in Rente sind") verschobene Reisen aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen nicht mehr stattfanden. Der wohl tragischste Fall war ein Münchener, der am Anfang seiner ersten großen Reise im Vorruhestand einem Schlaganfall erlegen ist.

 

Wenn ich irgendwann meinen Löffel abgebe, dann mit befriedigter Neugier (was das Reisen angeht) und dem Bewußtsein, meine Abenteuerlust ausgelebt, etwas erlebt zu haben.

Träume nicht Dein Leben, sondern lebe Deinen Traum!

 

 

 

Die Erde.Der AutorMein FuhrparkMeine ReisenReiseberichteGästebuch
Copyright by Siegfried Mader